Die Preisträger
Hörfunk
Kategorie: "Bester Beitrag" - Preissumme 1.500 Euro (wird geteilt) -
Autorin: Edda Weiß Sendung: "Blindes Vertrauen - Ein Hörbuch zu HIV/AIDS" Sender/Produzent: Radio SAEK Zwickau
Begründung der Jury: Der Hörfunkbeitrag "Blindes Vertrauen" von Edda Weiß ist nicht einfach ein x-ter Beitrag zu HIV und AIDS. Detailliert und umsichtig recherchiert setzt er sich im regionalen Kontext mit dem Thema HIV und AIDS auseinander. Es wird deutlich, mit welcher Ernsthaftigkeit und mit welchem untrüglichen Blick für die Komplexität das Thema aufgearbeitet und angesprochen wird und dabei gleichzeitig um Verständnis für die Sicht der Betroffenen wirbt.
So sind es zwei Handlungsstränge, die sich konsequent durch den Beitrag ziehen: zum einen die praxisorientierte Arbeit der AIDS-Hilfe Westsachsens und anderer Partner in diesem Netzwerk mit wichtigen und nützlichen Informationen rund um das Thema "HIV und AIDS" und zum anderen die persönliche Sichtweise eines HIV-Infizierten, der in eindrücklicher Weise den Hörer an seinem persönlichen Schicksal, seinen Gedanken und Sorgen, seiner anfänglichen inneren Zerrissenheit, Verzweiflung und Wut bis hin zu seinem wieder erwachten Lebensmut teilhaben lässt.
Dieser Mix aus Sachinformation und Authentizität baut eine Spannung auf, die dazu beiträgt, dass der Hörer zu jedem Zeitpunkt interessiert mitgenommen wird, umfassend über die Krankheit, Ansteckungs- und Verhütungsmöglichkeiten sowie den Umgang mit HIV-Infizierten Menschen informiert und aufgeklärt wird, ohne dass der Beitrag zu schwermütig wird und gar ins Pathetische oder Hoffnungslose abdriftet. So ist dem im Beitrag verwandten Zitat "Mit dem Leid anderer betroffen werden, ist nicht leicht, aber wirkungsvoll." nichts weiter hinzuzufügen.
Unaufgeregt, aber dafür nachhaltig sachlich und glaubwürdig mahnt der Beitrag ohne erhobenen moralischen Zeigefinger, wie trügerisch "blindes Vertrauen" gerade mit Blick auf die leider immer noch zum Tod führende Krankheit AIDS ist. Denn trotz aller Aufklärung sinkt das Risikobewusstsein in der Bevölkerung, wie die steigenden Infektionszahlen auch in Deutschland zeigen.
Kategorie: "Bester Beitrag" - Preissumme 1.500 Euro (wird geteilt) -
Autorin: Anna Reiter Sendung: "Sprachverfall" Sender/Produzent: Radio Corax
Begründung der Jury: Nicht erst seit Bastian Sick und seinem ehrenvollen Rettungsversuch des Genetivs rücken Sprache und vor allem ihre Irrungen und Wirrungen, mal offensichtlich augenzwinkernd, mal unterschwellig kritisch mahnend, in den Fokus. Sie ist in aller Munde; ohne sie wäre Hörfunk gar nicht denkbar - zumindest nur eingeschränkt machbar. So liegt also nichts Näher, sich in einem Beitrag für den Hörfunk mit dessen wichtigstem Medium zu befassen, der Sprache, und sich mit sprachlichen Gewohnheiten und Unarten auseinanderzusetzen.
Dabei gelingt es Anna Reiter in ihrem Hörfunkbeitrag "Sprachverfall" die Nuancen zwischen eben diesem und Sprachwandel bzw. Sprachentwicklung deutlich zu machen und eine sprachwissenschaftlich durchaus kontrovers geführte Diskussion in einen regionalen Zusammenhang zu stellen und diese mit Originalität, Augenzwinkern und Humor anschaulich und lebensnah umzusetzen.
So steht die unterhaltsam und lehrreich eingebaute Sammlung an Beispielen verbaler hallensischer Besonderheiten, aber auch aus dem musikalischen Bereich für eine aktuelle komplexe Diskussion um Bedeutungsverschiebung, Bedeutungsänderung, Bedeutungserweiterung, Bedeutungsverengungen, Bedeutungsumkehrungen, Wortveränderungen, Wortneuschöpfungen, Vereinfachungen, Superlativierungen, klangliche Eindeutschungen, Verbalisierung von Substantiven, kreative Wortspiele und fremdsprachliche Anleihen. Und das Ganze in rekordverdächtigen 7 Minuten.
Gerade junge Menschen definieren sich heute über sprachliche Gewohnheiten, die einem Geheimcode gleichkommen. Sprache ist ein Erkennungsmerkmal. Sie grenzt ab. Sie gibt Identität. Sie sagt etwas aus über das persönliche Selbstverständnis und die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, genauso wie bestimmte Schuh- oder Klamottenmarken. Denn: An ihrer Sprache werdet ihr sie erkennen.
Man kann sich darüber aufregen oder damit leben. Das zweite scheint der sinnvollere Weg zu sein, zumindest plädierten dafür die Macher des Hörfunkbeitrags. Denn Sprache ist und bleibt etwas Lebendiges. Es geht darum zu verstehen und verstanden zu werden. Und es gehört dazu, Verständnis zu wecken. Dies gelingt dem Beitrag nach Ansicht der Jury in herausragender Weise.
Nominierung Kategorie: "Bester Beitrag" - Preissumme 250 Euro -
Autor: Steffen Kretschmar Sendung: "Blindenfußball" Sender/Produzent: Radio Corax
Begründung der Jury: Der Beitrag von Steffen Kretschmar zum Blindenfußball schafft es, den sehenden Zuhörer zum Betroffenen zu machen. Denn das Medium des Hörens nivelliert den in diesem Fall bedeutsamen Unterschied zwischen sehender und sehbehinderter Menschen. Besser kann Radio, Kino im Kopf, nicht funktionieren.
Der Beitrag schafft es in klassischer Weise, den Zuhörer mitzunehmen, ihn abzuholen, dass er im wahrsten Sinn des Wortes mit dem Ohr am Ball bleibt und ein authentisches Gefühl für den Blindenfußball entwickeln kann. Er lernt, dass es eine eigene Sprache für die sehbehinderten Spieler gibt, mit deren Hilfe sie sich im Raum bewegen, sich einander zuspielen und miteinander kommunizieren. Dabei vermittelt der Beitrag gleichzeitig ein Gespür dafür, was diese Sportart behinderten Spielern abverlangt: Nach Gehör zu laufen, sich die Bälle zuzupassen, auf das Tor zu schießen und noch zu treffen, ist eine ungeheure und mit Hochachtung zu zollende Konzentrationsleistung.
Detaillreich, umfassend recherchiert, mit zahlreichen O-Tönen und einer spürbaren Sympathie für das Thema, ohne dabei die Grenze der Sachlichkeit zu übertreten, setzt sich der Beitrag einfühlsam mit der noch weitestgehend in den Kinderschuhen befindlichen Bundesliga für sehbehinderte Menschen auseinander. Er leistet einen Beitrag zur öffentlichen Aufmerksamkeit. Er legt damit gleichsam einen Finger in die Wunde. Denn es gibt nur wenige Sportarten für sehbehinderte Menschen.
Dies erkennt die Jury mit einer Nominierung in der Kategorie "Bester Beitrag Hörfunk" an und verbindet damit gleichzeitig einen Appell an die Radiosender: Auch sehbehinderte Menschen sind leidenschaftliche Fußballfans. Es gibt jedoch keinen Radiosender, der komplette Spiele überträgt. Es gibt nur kurze Ausschnitte in Konferenzschaltungen. Vielleicht wäre auch das eine Überlegung wert.
Nominierung Kategorie: "Bester Beitrag" - Preissumme 250 Euro -
Autorin: Katrin Weller Sendung: "Superstar oder Gangster werden - Die "Nicht-Perspektive" von armen Kindern in Deutschland" Sender/Produzent: mephisto 97.6, Leipzig
Begründung der Jury: Es macht den Eindruck, als gebe es für so genannte benachteiligte Jugendliche, die aus Familien mit multiplen sozialen Problemlagen und geringem Einkommen stammen, nur eine Zukunft zwischen zwei Extremen: "Superstar oder Gangster werden. Das sind zwei Lebensmodelle, die gerade schick sind" – so formuliert es die Sozialarbeiterin im Jugendclub Leipzig Lindenau, in dem sich Kinder und Jugendliche treffen, die als arm gelten.
Mit einem Blick für die Realität, ihre Brüche und offensichtlichen Widersprüche, aber auch ihrer Hoffnungslosigkeit und vermeintlichen Gefangenheit in ihrem sozialem Umfeld, aus dem es lt. zitierten Expertenmeinungen und wissenschaftlichen Studien oftmals kein Entrinnen gibt, zeichnet der Beitrag von Katrin Weller ein lebensnahes Gemälde von in Armut lebenden oder bedrohten Kindern und Jugendlichen.
Gleichzeitig hält das der Reportage titelgebende Zitat "Superstar oder Gangster werden" den Medien und der Gesellschaft einen Spiegel vor. Eine, wie von der breiten Bevölkerung verstandene Normalität gibt es offensichtlich nicht. Wie auch, wenn zur Normalität der Kinder und Jugendlichen manifestierte Arbeitslosigkeit, ein Leben auf Pump oder Kleinst- bis schwerwiegende Kriminalität gehören?
Ohne Effekthascherei und Voyeurismus beleuchtet der Beitrag das Thema "Armut" sachlich. Der Autorin gelingt es der vieldiskutierten und abgegriffenen Gerechtigkeitsdebatte durch Regionalität einen aktuellen und eigenen Anstoß zu geben und legt mit Blick auf notwendige sozialpolitische Maßnahmen den Finger in die Wunde.
Dies erkennt die Jury mit einer Nominierung in der Kategorie "Bester Beitrag Hörfunk" an.
Kategorie: "Bestes Experiment" - Preissumme 1.500 Euro -
Autorin: Wiebke Wolter Sendung: "Mephisto - Hommage zum 200. Geburtstag von Goethes Faust" Sender/Produzent: mephisto 97.6, Leipzig
Begründung der Jury: Es ist ein Experiment und Wagnis mit hohem Risiko, klassische Literatur im Hörfunk aufzuarbeiten, zumal der Anlass für den Beitrag 200 Jahre zurückliegt. Aber die Autorin hat ein teuflisches Meisterstück abgeliefert, denn "… die Kultur, die alle Welt beleckt, hat auf dem Teufel sich erstreckt.". In geradezu filigraner Kleinarbeit auf der Grundlage hervorragender Recherchen versetzt die Autorin das Geschehen um Goethes Faust in die Gegenwart. Die 200 Jahre alten Zitate greifen richtig platziert mitten in jedermanns Leben ein. Sie wollte nicht nur "Mephisto als Fausthelfer in seiner Midlife-Crisis uminterpretieren", sondern hat darüber hinaus durch Kurzweiligkeit, dramaturgische Raffinesse und den Sinn fürs Wesentliche in Hörfunkbeitragslänge die Jury so bezaubert, dass sie nicht anders konnte, als den Preis für das beste Experiment einstimmig zu vergeben, gemäß dem Mephistosatz: "Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.".
Nominierung Kategorie: "Bestes Experiment" - Preissumme 250 Euro -
Autorin: Mila Burghardt Sendung: "Immer anders.nehmwahr." Sender/Produzent: Radio F.R.E.I.
Begründung der Jury: Zu hören ist ein gelungenes "Stereophones Radio-Experiment" möglichst konzentriert, offen und mit Kopfhörer in Stereo zu hören. Der Hörer wird mitten in eine Zeit und einen Ort gestellt, z. B. in den "Hinterhofgarten einer Stadt". In Form von Geräuschen, Sätzen, Halbsätzen, Worten und Wortfetzen, aber auch durch eine adjektivreiche Sprache entstehen Bilder im Kopf, die zwar bewusst ausgelöst werden, jedoch immer vom Betrachter selbst stammen. Es handelt sich um das, was Hörfunk leisten kann: Die Gegenwart begreifen durch die in der Vergangenheit angesammelten Erlebnisse. Es entsteht eine "herbstfarbene" Situation mit "Duft nach Kaffee", Vogelstimmen, Kinderschreien, Schimpfen und einem Spiel von Überlagerungen und eigenen Rhythmen. Ein gelungenes Experiment, natürlich unter der Voraussetzung, dass sich Hörer auch darauf einlassen.
Nominierung Kategorie: "Bestes Experiment" - Preissumme 250 Euro -
Autorin: Kristin Wachall Sendung: "Das Ampelmännchen" Sender/Produzent: Radio Funkwerk, Erfurt Begründung der Jury: Man muss die DDR nicht unbedingt gekannt haben, um den Beitrag zu verstehen. Anhand des Ampelmännchens, ob als "ideologische Leitfigur" oder einfach nur als "Verkehrshilfe", wird der Hörer tief mit hineingenommen in eine teilweise kuriose Welt voller politisierter Mechanismen des Alltags. Gut recherchiert, informativ, unterhaltsam und manchmal auch ironisch, erfahren wir viel Neues über einen alten Bekannten – das Ampelmännchen. Auch für ehemalige DDR-Bürger ist der Beitrag voller Überraschungen. Interessant gezeigt wird, wie das kleine Männchen 1982 im sogenannten "Verkehrskompass" seine Fernsehkarriere beginnt oder welche Rolle Walter Ulbricht, Nikita Chruschtschow und das humanistische Menschenbild spielen. Besonders gelungen ist auch die Verwendung von zeitgenössischer Musik. Schon am Anfang des Beitrages wird der Hörer gleich dramaturgisch gut in Raum und Zeit gesetzt, mit dem später immer wiederkehrenden Titel "Ich stehe am Fahrdamm, da braust der Verkehr …". Ein durchweg interessantes Experiment, mit lebendiger Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht und den Radiohörer bindet.
Kategorie: Länderpreis Sachsen - Preissumme 500 Euro -
Autoren: Christoph-Graupner-Gymnasium vertreten durch Birgit Gartmann Sendung: "Christoph Graupner" Sender/Produzent: Radio SAEK Zwickau
Begründung der Jury: Die Autoren des Beitrages steigen mit einer Umfrage ein, die zwar etwas lang geraten ist, aber die Hauptfigur sehr gut installiert. Da es sich bei Christoph Graupner um einen Komponisten aus der Barockzeit handelt, wird im Beitrag auch mit Musik gearbeitet. In zwar etwas geschauspielter Form erklären die Schülerinnen und Schüler die Biografie des Namengebers ihres Gymnasiums. Sie haben gut recherchiert und sich sehr viele Gedanken über die Umsetzung gemacht. Dramaturgisch ist der Beitrag sinnvoll strukturiert. Die eingeholten Originaltöne erklären das Absurde: Graupner wäre fast Thomas-Kantor geworden. Er hatte sich, wie Bach, für diese Stelle beworben. Die Gymnasiasten machen somit auf einen wichtigen Künstler aufmerksam, der trotz, dass ihre Schule seinen Namen trägt, in der Stadt Kirchberg und darüber hinaus fast in Vergessenheit geraten ist. Sie machen sich mit diesem Radiobeitrag um die Aufarbeitung einer regionalen Besonderheit verdient und erhalten den Länderpreis 2008 für den Freistaat Sachsen.
Kategorie: Länderpreis Sachsen-Anhalt - Preissumme 500 Euro -
Autorin: Dana Dornis Sendung: "Die 2 weißen Tiger im Ascherslebener Zoo" Sender/Produzent: Radio hbw
Begründung der Jury: Sie gibt es in der Natur gar nicht mehr, sind aber die Attraktion im Ascherslebener Zoo – zwei weiße Tiger. In originellen O-Tönen beschreiben Kinder sehr anschaulich die Tiere und versetzen somit die Hörerinnen und Hörer mitten in den Tiergarten. Zudem erfährt man viel Spezialwissen über die Exoten durch die Experten, die Tierpfleger und den Zoodirektor. Interessant sind auch die regionalen Hintergründe, die die Autorin bezüglich des Ascherslebener Zoos im Beitrag vermittelt, inklusive von Finanzierungsproblemen. Dramaturgisch zieht sich ein roter Faden durch den Beitrag, die Hauptfigur "zwei weiße Tiger" wird gut etabliert und konsequent immer wieder in Szene gesetzt. Der Beitrag verdient die Anerkennung als Länderpreis, da er in guter handwerklicher Form eine regionale Besonderheit anschaulich hervorhebt, die über die Stadt Aschersleben hinaus von Bedeutung ist.
Kategorie: Länderpreis Thüringen - Preissumme 500 Euro -
Autor: Lutz Balzer Sendung: "Radio Schalom" Sender/Produzent: Radio Funkwerk, Erfurt
Begründung der Jury: Jeden ersten Dienstag im Monat von 18 – 19 Uhr heißt es "Radio Schalom" bei Radio Funkwerk. Dabei wird über jüdisches Leben in Erfurt, Thüringen, Deutschland und weltweit berichtet. Das geschieht in Wort und Musik. Angesichts von Antisemitismus und der Tatsache, dass es gerade in vielen Thüringer Städten über Jahrhunderte ein vielfältiges jüdisches Leben gab, ist es zu würdigen, dass es "Radio Schalom" gibt. Jüdische Gebräuche werden erklärt, Begriffe erläutert und durch traditionelle sowie thematisch zugeordnete Musik wirkt die Sendung trotz ihrer 60 Minuten kurzweilig. Gerade in dem Kontext, dass sich die Stadt Erfurt anschickt, sich wegen ihres umfangreichen jüdischem historischen Backgrounds als Weltkulturerbe zu bewerben, tut es gut, dass eine solche Radiosendung Brücken zur Gegenwart schlägt. Der Autor hat die Inhalte gut recherchiert und verständlich umgesetzt.
Kategorie: Sonderthema
Autorin: Eva-Maria Lemke Sendung: "Die Klima-WG" Sender/Produzent: mephisto 97.6, Leipzig
Begründung der Jury: Ein globales Thema wie "Klimawandel und seine globalen/regionalen Folgen" auf die Ebene einer 3er WG herunterzubrechen, verrät eine gehörige Portion Originalität. In der Stilform einer Radionovela begleiten die Macher von Mephisto 97.6 die Protagonisten Thomas, alles andere als ein Umweltengel, den Naturburschen Bolle und Horst als ruhenden Pol der WG fünf Tage lang bei ihrem Bemühen um ein klimafreundliches Leben. Durch die szenarische Aufarbeitung von Alltagsthemen wie Energieverschwendung durch Stand by oder die Herausforderung des total lokalen Einkaufs um die Ecke werden beim Hörer Nähe und Anschaulichkeit erreicht. Ein knisternder Einstieg fast wie bei einem Krimi, treffende O-Töne und Expertentipps generieren Unterhaltsamkeit und einen gewissen Nutzwert. Ein Schuss Geist als Menuezutat wäre unschädlich gewesen.
Fernsehen
Kategorie: "Bester Beitrag" - Preissumme 1.500 Euro -
Autorin: Maman Salissou Oumarou Sendung: "Mama" Sender/Produzent: OK Dessau
Begründung der Jury: Die Botschaft unseres Siegerbeitrages wollen wir an einem Beispiel deutlich machen. Sie werden es vermutlich alle kennen.
Berlin im Jahre 1908. Wer keinen Pass hat, bekommt keine Arbeit. Wer keine Arbeit hat, bekommt keinen Pass. Das ist das Dilemma des Schusters Wilhelm Voigt. Da kommt ihm eine Idee. Er kauft sich eine alte Uniform und geht als "Der Hauptmann von Köpenick" in die Geschichte ein. Zustände waren das, vor hundert Jahren… Gut, dass es so etwas heute nicht mehr gibt.
Wirklich?
Das war das Beispiel. Und jetzt kommen wir zu unserem Beitrag:
Dessau im Jahre 2008. Wer keine Arbeitserlaubnis hat, bekommt keine Arbeit. Und wer keine Arbeit hat, bekommt keine Arbeitserlaubnis. Das ist das Dilemma des jungen Asylbewerbers Salis. Da kommt ihm eine Idee. Nach fünf Jahren in der Fremde ruft er das erste Mal seine Mutter im Niger an. Ob sie einen Ausweg weiß?
Den ersten Preis in der Kategorie "Bester Beitrag" gewinnt der Kurzfilm "Mama" vom Offenen Kanal Dessau. Autor und Hauptdarsteller in einer Person ist der junge Asylbewerber Maman Salisson Oumarou.
Eine hintergründige Satire auf die Lage von abgelehnten Asylbewerbern – aus der Sicht der Betroffenen. Mit sparsamsten Mitteln, und gerade deshalb wirkungsvoll, macht uns das Team mit einem Schicksal vertraut, einem Schicksal im Spannungsfeld zwischen afrikanischem Mutterwitz und deutscher Korrektheit. Ein Film, der zeigt: Auch mit wenig Aufwand kann man viel sagen. Ein Film, der zum Schreien komisch ist – und gleichzeitig zum Heulen tragisch.
Nominierung Kategorie: "Bester Beitrag" - Preissumme 250 Euro -
Autor: Julian Jostmeier Sendung: "verfolgt und ermordet - Magdeburger Juden während des Nationalsozialismus" Sender/Produzent: OK Magdeburg
Begründung der Jury: Wer einen Gegenstand, ein Thema Geschichte aus mehreren Perspektiven beleuchtet, der gibt der Geschichte Tiefe und Kontur. Wir sprechen von einem Beitrag, der Unbegreifliches nacherzählt, die Geschichte einer mörderischen Verfolgung – aus dem Blickwinkel der Verfolgten. Und aus dem Blickwinkel der Nicht-Verfolgten.
Den dritten Preis in der Kategorie "bester Beitrag" erhält die Dokumentation "Verfolgt und ermordet – Magdeburger Juden während des Nationalsozialismus" der Offenen Kanals Magdeburg.
Nach aufwendiger, akribischer, weltweiter Recherche haben die Autoren aus 25 Stunden Filmmaterial eine Dokumentation zusammengestellt, die unter die Haut geht.
Zu Wort kommen nicht nur die in alle Welt verstreuten Überlebenden. Auch zwei Nicht-Juden, damals Hitlerjungen und Schüler, äußern sich. Sie berichten, wie bereits Kinder mit perfiden Methoden verhetzt wurden, wie ihnen mit niederträchtiger Demagogie das Feindbild "Jude" eingehämmert wurde. Deutlich wird auch, wie das Regimen unter Lehrern und Schülern ein Klima der Angst und des Misstrauens schürte. Wer als Lehrer einen jüdischen Schüler fair behandelte, lief Gefahr, von Denunzianten aus der Klasse angezeigt zu werden.
Auf der anderen Seite die Verfolgten: Viele von ihnen verließen das Land nur deshalb nicht, weil sie eine Untat wie die Judenvernichtung einfach nicht für möglich hielten, weil sie hofften, es werde sich schon alles wieder beruhigen. Die meisten von ihnen wurden ermordet.
Ergänzt durch Original-Filmmaterial entreißt der Beitrag das Schicksal der Magdeburger Juden dem Vergessen. Eine in mehrfacher Hinsicht historische Leistung.
Nominierung Kategorie: "Bester Beitrag" - Preissumme 250 Euro -
Autorin: Sonja Renner Sendung: "Kannst du nicht hören" Sender/Produzent: OK Magdeburg
Begründung der Jury: Sie sind Maßschneiderin, Feinmechaniker, Verkäuferin. Sie sind verheiratet, haben Kinder und Enkelkinder. Sie meistern ihr Leben, wie es Millionen andere Menschen auch tun.
Und doch gibt es eine Besonderheit: Sie können nichts hören.
Auf dem zweiten Platz in der Kategorie "bester Beitrag" ist die Dokumentation: "Kannst du nicht hören" vom Offenen Kanal Magdeburg.
Vier Gehörlose und die Menschen aus ihrem Umfeld, Kinder, Lehrer, Gebärdendolmetscher, entführen uns in eine fremde, aber doch spannende Welt der Stille – aber NICHT des Schweigens.
Wie gelingt es Gehörlosen, sich zurecht zu finden?
Wie machen sie sich verständlich?
Wie ist das Verhältnis von hörenden Kindern zu ihren gehörlosen Eltern?
Hätten Sie gewusst, dass die Gebärdensprache in Deutschland bis vor Kurzem offiziell nicht erwünscht war? So wollte man die Gehörlosen quasi zwingen, sich in der Lautsprache zu artikulieren und von den Lippen abzulesen.
In unserem Ausschnitt sehen, Sie, warum Gehörlose die Gebärdensprache wertschätzen, und was ein hörendes Kind mit gehörlosen Eltern erlebt.
Kategorie: "Bestes Experiment" - Preissumme 1.500 Euro (wird geteilt) -
Autor: Heiko Bergt Sendung: "Facettenaugen" Sender/Produzent: OK Dessau
Begründung der Jury: Wohl jeder Fernsehmacher weiß, die Arbeit mit Tieren ist schwer. Wie kompliziert muss dann erst die Arbeit mit einer Heuschrecke sein, die keineswegs auf klassische Kommandos hört. Die Macher von Facettenaugen lassen einen Fremdling durch eine ihm fremde Welt wandern. Vom Urlaub mit nach Deutschland gebracht, steht das Tier vor völlig neuen Herausforderungen. Die Geschichte, die im Zeitalter der globalen Vernetzung des Verkehrs und Transports alltäglich ist, wird aus Sicht der Heuschrecke erzählt. Dabei schafft der Film eine fast bedrückende Stimmung, die den Zuschauer die Einsamkeit des fremden Individuums spürbar werden lässt. Der filmische Ansatz erinnert an aufwendige BBC-Dokumentationen und zeigt unsere moderne Welt aus neuer Perspektive.
Kategorie: "Bestes Experiment" - Preissumme 1.500 Euro (wird geteilt) -
Autoren: Schüler des Gymnasiums Dresden-Plauen c/o Andreas Golinski Sendung: "Reizüberflutung" Sender/Produzent: SAEK-Fenster
Begründung der Jury: Was muss eine einzelner Mensch alles ertragen? Was strömt tagtäglich alles auf ihn ein? Reizüberflutung stellt gekonnt die tägliche Schlagzeile dem tatsächlichen Geschehen gegenüber. Als Filmbild mit der Präzision eines Musikvideos wird hier deutlich, dass sich die Macher schon länger über dieses Problem Gedanken gemacht haben. Dies ist umso bemerkenswerter, da es sich bei den Filmern um Schüler handelt. Wenn schon für Jugendliche dieser tägliche Überfall von medialen Ereignissen unerträglich ist, wie muss dies dann auf ältere Menschen wirken. Auch dieser Frage geht der Film, wenn auch unbewusst, nach. Die Konsequenz ist logisch aber auch erschreckend. Das Medium, die Zeitung fliegt in den Papierkorb. Gerade als Vertreter den Medien stimmt dieser Film nachdenklich. Er zeigt aber auch eines, die Generation Internet setzt sich viel mehr mit ihrer Umwelt auseinander, als aktuelle Statistiken oft glauben lassen.
Nominierung Kategorie: "Bestes Experiment" - Preissumme 250 Euro -
Autor: Sebastian Schwarz Sendung: "Kid Lightning (Dokumentation)" Sender/Produzent: OK Dessau
Begründung der Jury: Wer möchte das nicht? Ein Superheld sein, als Batman Gotham City retten oder als Superman unendliche Kräfte besitzen. Kid Lightning ist eine solcher Superheld, der aber – anders als seine großen Vorbilder – eher der Alltagshelfer sein möchte. Auch wenn er dabei eher wenig erfolgreich ist, Kid scheint eine guter Zuhörer zu sein. Und so erzählen ihm die Menschen auf der Straße Geschichten. Bei all den Fernsehformaten die versuchen, den Menschen näher zu kommen, diese Idee ist neu. Vermutlich wäre sie im "großen" Fernsehen ebenfalls preisverdächtig, weshalb die Jury hier auf alle Fälle eine Nominierung gesehen hat. Gleichzeitig ist Kid Lightning auch ein filmisches Experiment in einer Mischung aus Dokusoap, Comic und Dokumentarfilm. Auch ohne Superkräfte wünscht man sich Kid Lightning auf die Mattscheibe.
Nominierung Kategorie: "Bestes Experiment" - Preissumme 250 Euro -
Autor: Jakob I. Barton Sendung: "mir geht es gut" Sender/Produzent: SAEK Dresden Pentacon
Begründung der Jury: Schon mit seinen Titelsequenzen entfacht der Film eine ganz eigene Stimmung. Mit filmischer Präzision und sehr guten Bilder zeichnet er den nachvollziehbaren Konflikt einer Jugendliebe nach. Dabei besticht der Beitrag vor allem durch die sehr gute Kamera und die Komposition der Szenen. Wohl fast jeder kann die Gefühle der Protagonistin nachvollziehen. Damit entsteht ein filmischer Monolog, der es an nichts fehlen lässt. Auch außerhalb des Bürgerrundfunks kann und sollte dieser Film sein Publikum finden.
Kategorie: Länderpreis Sachsen - Preissumme 500 Euro -
Autoren: Stefan Kutsche Sendung: "Blauer Nebel" Sender/Produzent: SAEK Fenster
Begründung der Jury: Der Film beginnt mit Silhouettentrickfilm. Eine Kunst, die in Deutschland wohl nur mehr in Sachsen möglich ist. Während Animationen heute grundsätzlich im Rechner entstehen, haben sich die Macher des "Blauen Nebel" für ihren Einstieg im Zeitalter der Bits und Bytes für dieses klassische Element entschieden. Dabei ist auch der Sprung zum realen Film geglückt. Erzählt wird eine Sage eine Überlieferung, wie es so viele in Deutschland gibt. Eine Geschichte, die eine Region für ihre Bewohner zu etwas Besonderem macht. Der Jury ist hierbei der aufwendige sogenannte Productionvallue aufgefallen. Nicht nur, dass offenbar der gesamte Ort bei dem Streifen mitwirkte auch Szenerie und Ausstattung sind erstaunlich aufwendig. Die Geschichte selbst erhält dabei eine ganz eigene Wirkung. Nicht der von einem Sender entsandte Redakteur, nein die Bürger selbst reflektieren die historischen Ereignisse. Fernsehen wird so ein Stück weit zum Bestandteil der Überlieferung. Ging eine Sage früher von Mund zu Mund, wurde sie später gedruckt und wird heute elektronisch archiviert. Aber eben von denen, die sie früher selbst erzählt haben, den Bewohnern, den Bürgern vor Ort.
Kategorie: Länderpreis Sachsen-Anhalt - Preissumme 500 Euro -
Autorin: Maren Kießling Sendung: "Lochau-Olli" Sender/Produzent: OK Wettin
Begründung der Jury: Eigentlich eine ganz alltäglich Geschichte. Olli aus Lochau ist keineswegs der Typ, der es in Nachrichten schaffen könnte und selbst für die meisten Boulevardmagazine wäre vermutlich seine Geschichte zu unspannend. Denn hier geht es darum, was Lochau-Olli sich für sein Leben wünscht. Doch genau das macht diesen Beitrag zu etwas ganz Besonderem. Mit viel Gefühl wird kurz Ollis Geschichte erzählt, eine Geschichte, die für so viele Jugendliche in Sachsen-Anhalt gelten könnte. Im Zeitalter schneller teurer Autos, Handys und Supermodels will Olli ein ganz normales Leben führen. Einen kleinen Bauernhof, eine Frau und das Sammeln von Sperrmüll als Job, das ist es, was Lochau-Olli sich wünscht. Nichts wofür im großen Fernsehen Platz sein würde, genau das ist Bürgerfernsehen. Während Olli durch so manches redaktionelles Raster fallen würde, findet er hier sein Publikum, das seine Story nachfühlen kann.
Kategorie: Länderpreis Thüringen - Preissumme 500 Euro -
Autor: Mario Berend Sendung: "700 Jahre Burg Hanstein" Sender/Produzent: OK Eichsfeld
Begründung der Jury: Geht es um die Jahrfeier einer Burg so verschanzt sich so mancher Redakteur gern hinter Historikern und deren Fakten. Nicht so bei den Machern des Filmes "700 Jahre Burg Hanstein". Hier entscheidet man sich die Geschichte der Burg in Spielszenen nachzugestalten. Dabei wird mit viel Liebe zum Detail gearbeitet. In der Form des Fernsehspiels führen sie den Betrachter in die Jahrhunderte zurück. So entsteht ein geschichtliches Dokument in elektronischer Form, welches vermutlich auch noch in 700 Jahren in Thüringen seine Wertschätzung erfahren dürfte.
Kategorie: Sonderthema
Autoren: Torsten Bau/Kay-Ulf Jog Sendung: "Gegen den Strom…" Sender/Produzent: OK Merseburg
Begründung der Jury: Der Hauptprotagonist Markus Wollschläger, seines Zeichens freiberuflicher Dozent, übt sich jedes Jahr eine gewisse Zeit im Verzicht. Dieses Mal hat er sich vorgenommen, 14 Tage auf Strom und heißes Wasser zu verzichten. Der filmisch begleitete Selbstversuch im Stromfasten nimmt den Zuschauer auf eine Reise mit, bei der der Verzicht auf Selbstverständlichkeiten wie elektrisches Licht oder die Kaffeeemaschine und die Einspielung aktuellen Hintergrundwissens ständige Begleiter sind. Obgleich die fundierten Hintergrundinformationen nicht wirklich neu sind, gewinnt der Beitrag dadurch an Ausgewogenheit und Anspruch. Die authentische Handlung bindet den Zuschauer in die Höhen und Tiefen des Unterfangens ein. Punktuelle Defizite in Ton- und Bildqualität sind zu verschmerzen. Die originelle Idee des Stromfastens bleibt im Ansatz stecken, da Verzicht durch die Nutzung außerhäusiger Stromquellen in der Telefonzelle, im Waschsalon oder im Internetcafé nicht wirklich stattfindet. Dennoch: Stromfasten bleibt auf der Agenda!
Weitere Auskünfte zum Mitteldeutschen Rundfunkpreis erteilen: Ricardo Feigel, MSA Telefon: 0345 52130, feigel@msa-online.de |